Auf dem Küchentisch liegt, gleich neben dem Diktiergerät, eine
unschuldige Broschüre. Freundlich, aber mit leicht vorwurfsvollem Unterton
fragt sie „Did You Know?” und verspricht „interessante Fakten”
über „berühmte ungarische Wissenschaftler und Erfinder”.
Die kleine Runde in der Kölner Wohnküche blättert immer wieder
in dem unerschöpflichen Heftchen, pflückt daß-Satz um daß-Satz
heraus – und allmählich weicht das amüsierte Grundgefühl
einer schwer widerlegbaren Tragik. Kaum eine Technik oder Kunst, hinter
der kein ungarischer Urheber stünde. Ungarische Ingenieure meldeten
1893, sechs Monate vor dem deutschen Erfinder Maybach, ein Patent auf einen
Vergaser an – und blieben von der Automobilindustrie unbeachtet. Ein ungarischer
Physiklehrer entdeckte 1896, sechs Monate vor dem italienischen Elektrotechniker
Marconi, die kabellose Telegraphie – und setzte die Welt zu spät in
Kenntnis. Bei so viel Ignoranz des Weltgeists spenden drei nach ungarischen
Künstlern benannte Mondkrater nur schwachen Trost...
... Zu den in jedem Fall animierenden Auswirkungen der Freihandelszone, so die Juristin Cecilia Szabó, gehört die ungestörte Zirkulation der Bücher. Besonders die Avantgarden von Joyce bis Bataille, unter den Diktaturen geächtet und in Deutschland bereits zu den literaturhistorischen Akten gelegt, |
|
bieten für Ungarn noch heißen Lesestoff. Und mit der begeisterten Wiederentdeckung einer im Westen vorschnell abgeblasenen Moderne löst sich endlich die traumatische Fixierung auf jenen Moment im Sommer 1914, in dem die Uhr Mitteleuropas scheinbar für immer stehenblieb. Roths großer Dekadenzgeschichte „Radetzkymarsch” zerfällt die Donaumonarchie in genau dem Augenblick, als auf dem Sommerfest eines Dragonerregiments die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo eintrifft - und die ungarischen Offiziere plötzlich in ihre Muttersprache verfallen: „Man verstand kein Wort.” Auch in dieser Kölner Küche stellen die Ungarn aufs Ungarische um, als sie über Pynchon-Übersetzungen, Henry-Miller-Ausgaben oder Sade-Inszenierungen plaudern. Die Sprachverwirrung leitet einen angenehmen Ausklang ein. Kein Reich bricht, ein Kontinent wächst zusammen.
Eine ganz andere Generation von Ungarn in Köln hat ihre geistige Mitte im „Ungarnhaus”, gelegen im Seitenstraßengeflecht des Neumarkts, wo beschauliche Mietshäuser mit hellgrauen Rauhputzfassaden von den fünfziger Jahren träumen und auch das „Vereinslokal deutscher Vermessungsingenieure” sitzt. Das katholische Gemeindezentrum feiert in diesen Tagen sein vierzigjähriges Bestehen. Andreas Laber, |
|
ein älterer Herr mit Magyarenschnurrbart und Zwicker, erinnert an die Bedeutung Kölns für ungarische Pilger auf der Wallfahrt nach Aachen, wo Reliquien des heiligen Stephan liegen. Eine Steinbüste Stephans I. starrt den Besucher im verklinkerten Flur neben dürstenden Hängepflanzen an, im Vortragssaal warten Linoleumboden, eine Heimorgel und Wandpappen mit Fotos zur Geschichte des Hauses.
Bei Carl Schmitt gelten die Ungarn als Paradebeispiel für den „Urakt” der Landnahme, weil die Eroberung des Karpatenbeckens vor elfhundert Jahren das Fundament ihrer nationalen Mythologie bildet. Tatsächlich bestimmt die Sehnsucht nach den verlorenen Ländereien den Gefühlshaushalt der älteren Auswanderergeneration. Doch auch die Gegenbewegung der Deterritorialisierung – also das Interesse für die Fluchtlinien auf der Landkarte und die Neugier auf Neuland – gehört zum Erfahrungsschatz eines Volks, das als linguistische Insel von Anfang an zur Erratik verdammt war. Von dieser Liebe zum Fernen zeugen Heere von ungarischen Kartographen, Entdeckungsreisenden und Buchdruckern. Auch ihre Namen nennt die unschätzbare Broschüre auf dem Küchentisch. |